Novgorod

Mai 21, 2008

Da sich meine Zeit hier in Russland leider viel zu schnell dem Ende zuneigt, mache ich nun die Dinge, die ich schon seit meiner Ankunft vorgehabt, aber immer auf später verschoben habe. Nachdem ich am Montag endlich im Russischen Museum war, verbrachte ich die letzten beiden Tage mit Ervina in Veliki Novgorod.

Da ich vor ein paar Tagen in der Gratistageszeitung „Metro“ einen Bericht über die rasend schnell vergriffenen Zugtickets in den Süden gelesen hatte, wollten wir auf Nummer sicher gehen, und unser Ticket wenigstens am Vortag kaufen. Novgorod liegt zwar nicht wirklich im Süden, aber sicher ist sicher. Am Informationsschalter des Zugticketbüros im Zentrum erkundigten wir uns vorsichtshalber, an welcher Kassa wir die Tickets für den gewünschten Zug kaufen könnten. Nachdem die Dame im Computersystem die entsprechende Verbindung nachgeschlagen hatte, antwortete sie uns, dass wir jeden beliebigen Schalter wählen könnten, stellten wir uns an der Nummer 13 an. Schlange stehen ist beim Fahrkartenkauf quasi obligatorisch. Vor uns in der Schlange zankte sich eine ältere Frau mit zwei Mädchen darum, wer zuerst da gewesen war. Nach etwa 20 Minuten stand die Bedienstete am Schalter auf und verließ ihre Kabine. Dem Schild entnahmen wir, dass jetzt Zeit für ihre Kaffeepause war. Wenigstens dauerte die Pause nur eine Viertelstunde. Wäre sie zur Mittagspause verschwunden, hätten wir uns wohl eine neue Schlange suchen müssen. Nachdem wir endlich an der Reihe waren, wurde uns mitgeteilt, dass hier keine Karten für unsere Verbindung erhältlich waren. Wir müssten direkt zum Moskauer Bahnhof gehen.

Den Rest des Beitrags lesen »


Bestechungsgelder statt Studiengebühren?

April 10, 2008

Da mich eine Deutschprofessorin darum gebeten hatte, hielt ich heute ein Referat über das österreichische Hochschulsystem und diskutierte anschließend über die Unterschiede zwischen Russland und Österreich. In St. Petersburg gibt es mehrere verschiedene Universitäten. Die größte ist die Staatliche Universität, an der ich momentan studiere. Daneben gibt es Privatuniversitäten, Konversatorium, Militärakademien, eine pädagogische Hochschule,… Insgesamt stehen hier auch alle erdenklichen Studienrichtungen zur Auswahl. Unsere Universität ist in 14 verschiedene Fakultäten aufgeteilt, wie etwa die juristische, soziologische oder eben journalistische Fakultät. Im Hauptgebäude auf der Wassilewski Insel befinden sich die größten Fakultäten und zudem auch der längste Gang der Welt. Die journalistische Fakultät ist allerdings ein paar hundert Meter weiter in einem eigenen Gebäude untergebracht. Die Fakultät ist in verschiedene Institute, so genannte „Kafedras“ unterteilt. Für jeden Bereich gibt es so eine eigene Abteilung, z.B. Rundfunk, Printmedien, oder Online. Aber auch für PR, Werbung,verschiedene Fremdsprachen und allgemein internationale Angelegenheiten gibt es je eine eigene Abteilung.

Ein Studium dauerte hier bislang fünf Jahre und ist genauer geregelt als an unseren Universitäten. Mit der Umstellung auf das Bologna-System kommt man nun auch in vier Jahren zum Bachelor-Abschluss, zum Master sind es zwei zusätzliche Jahre. Ähnlich den Fachhochschulen müssen in jedem Semester eine gewisse Anzahl von Prüfungen in der Prüfungszeit am Ende des jeweiligen Semesters absolviert werden. Endlos studieren ist hier also unmöglich. Studenten, die an der journalistischen Fakultät studieren wollen, müssen bei ihrer Bewerbung zwischen Journalismus, PR oder Werbung wählen. Im Laufe des Studiums muss man sich in jedem Bereich jedoch noch weiter spezialisieren. Den Rest des Beitrags lesen »


Russische Gastfreundschaft

April 3, 2008

Als ich heute in der Schlange vor dem Fahrkartenschalter stand, um mir ein Zugticket nach Moskau zu kaufen, fragte mich eine Frau, ob ich die letzte in der Reihe wäre. Als ich bejahte, stellte sie sich hinter mir an. Während wir warteten, kamen wir miteinander ins Gespräch. Schon nach wenigen Minuten hatten wir uns über so einiges ausgetauscht und unterhielten uns rege. Sie fragte mich nach meinem Studium, über meine Familie und meine Zeit in Petersburg. Sie zeigte schier grenzenlose Geduld während ich mich mühsam durch die Sätze kämpfte. Die Russin arbeitet in einer amerikanischen Kosmetikfirma in Russland und erzählte auch von ihrer 20-jährigen Tochter, die an der gleichen Universität wie ich studiert. Da sie keine Fremdsprache konnte, fand die ganze Konversation auf russisch statt, was sich manchmal etwas schwierig gestaltete. Aber mit etwas Kreativität, Händen und Füßen konnten wir uns ganz gut verständigen. So erriet sie auch den Namen des Balletts „Aschenputtel“, nachdem ich in schlechtem Russisch etwas von einer bösen Mutter sprach.

Nachdem ich endlich an der Reihe war, half sie mir auch, die richtigen Plätze im Zug zu kaufen. Während wir erneut warten mussten, weil das Computersystem abstürzte,  zeigte sie mir stolz ihre Fotos von Arbeitsreisen nach Dallas und Moskau. Als wir uns danach verabschiedeten gab sie mir ihre Visitenkarte und meinte, ich solle sie anrufen. Sie würde mich einladen wollen.

Nach dieser wahnsinnig netten Unterhaltung ging ich doch ein wenig perplex aus dem Bahnhofsgebäude. Diese außergewöhnliche Freundlichkeit und das Interesse an einer doch fremden Person hatte mich wirklich positiv überrascht. In diesem Land erlebt man wirklich alle Stimmungslagen. Am einem Tag muss man froh sein, wenn der Verkäufer an der Ecke einen nicht gerade anschnauzt, wenn man etwas kaufen will. Am anderen Tag trifft man mitten im Großstadtrummel die freundlichsten Menschen, die einen nach fünf Minuten behandeln, als wäre man schon ewig befreundet.


Kein Aprilscherz!

April 1, 2008

Am heutigen Abend fand an unsere Fakultät eine – für mich – recht sonderbare Veranstaltung statt. Zwei Studententeams und ein Professorenteam traten in einem Wettkampf gegeneinander an. Gegenstand des Wettstreits: Spaß!

In verschiedenen Disziplinen treten die Teams gegeneinander an und versuchen, das Publikum dabei zum Lachen zu bringen. Dabei wechseln geplante Sketche und Kabarett mit spontanen Aufgaben, die die Kandiaten zu bewältigen haben, ab. Die Darsteller werden dabei von den zusehnden Studenten lautstark unterstützt. So wird auf der Bühne getanzt, gesungen und gespielt. In den verschiedenen Sketchen werden von Putin bis zum Rektor alle durch den Kakao gezogen. Auch die Professoren und die russische Medienlandschaft werden dabei nicht verschont. Die Professoren reimen was das Zeug hält und schmeißen sich für ihr Kabarett auch schon in Pyjamas und Bademäntel. Stelle sich das einer bei uns vor! (Nur bitte nicht zu plastisch.)

Am Ende entscheidet eine Jury über den Gewinner des Wettbewerbs. Heute gewann das Team der Studenten aus dem zweiten Studienjahr. Die schrägen Tanzeinlagen waren dafür wohl ausschlaggebend…… Ich konnte zwar lange nicht alle Witze verstehen, war aber schon froh, wenigstens ein paar davon verstanden zu haben und so mitlachen konnte. Zudem waren die meisten Dinge auch ohne Verständnis der russischen Sprache schon lustig genug.

(Video folgt in Kürze)


Sonnige Rückkehr

März 31, 2008

Nach einer recht unbequemen Nacht im Bus, nachdem ich mitten in der Nacht an der estnisch-russischen Grenze aus dem Bus gescheucht wurde um mich eine halbe Stunde an der Passkontrolle anzustellen, kam ich nun wieder in Petersburg an. Noch im Halbschlaf hörte ich den Busfahrer die Metrostation Avtovo ausrufen, und ich räumte schnell meine Sachen in meine Tasche während der Bus schon in der rechten Spur hielt. Ich sprang aus dem Bus und schaffte es gerade noch meinen Rucksack aus dem Laderaum zu fischen, bevor der Bus schon wieder im Petersburger Verkehrschaos verschwunden war. Per U-Bahn ging es dann nach Hause. Da es erst sechs Uhr morgens war, ergatterte ich sogar noch eine Ausgabe der druckfrischen Gratiswochenzeitung „Metro“. Während der Fahrt in der überfüllten U-Bahn wunderte ich mich wirklich, dass so früh schon so viele Menschen unterwegs waren. Später klärte sich die Sache allerdings auf: ich hatte völlig darauf vergessen, dass es hier aufgrund der Zeitumstellung und des Zeitzonenwechsels schon zwei Stunden später war. Die Petersburger sind also doch nicht solche Frühaufsteher.

Tatsächlich war während meiner Abwesenheit in St. Petersburg der Frühling eingekehrt. Schnee und Eis waren verschwunden, die Sonne lachte den ganzen Tag vom Himmel und die Temperaturen kletterten stetig in die Höhe. Über 15 Grad wurden schon gemessen. Ich verstaute als erstes meine Winterjacke in der Garderobe und holte meine quietschgrüne Übergangsjacke hervor.

Den Rest des Beitrags lesen »


Maslenitsa – Mасленица!

März 9, 2008

In der letzten Woche vor dem Beginn der orthodoxen Fastenzeit wird in Russland Maslenitsa gefeiert. Übersetzt heißt das so viel wie „Butterwoche“. Der Brauch kommt daher, dass gläubige Russen in der ersten Woche vor der Fastenzeit schon auf Fleisch verzichten sollten. Milcherzeugnisse und Eier sind aber noch erlaubt, optimale Zutaten für Blini also! Diese werden währende Maslenitsa auch in rohen Mengen verspeist. Im Laufe der Zeit hat das Fest auch noch eine zusätzliche Bedeutung bekommen: das nahende Ende des Winters wird gefeiert.

Traditionell hat jeder Tag eine andere Bedeutung. So gibt es etwa einen „Tag der Begrüßung“, an dem Kinder eine Puppe aus Stroh basteln, oder einen Tag zum Rodeln und im Schnee toben. Die Bedeutung des Festes ist jedoch am Land größer. In der Stadt wird die genaue Reihenfolge der Tage eher selten eingehalten. Die Woche wird einfach dazu genutzt, mit Freunden und Familie zusammenzukommen und sich die Bäuche mit Blini vollzuschlagen. Natürlich ließ auch ich mir diese Chance nicht entgehen und suchte meine Lieblings-Blinikette „чайная лошка“ fast täglich auf.

Der Höhepunkt der Woche ist der Sonntag. Dann wird gemeinsam auf Volksfesten der letzte Tag vor der Fastenzeit zelebriert und die Maslenitsa-Puppe verbrannt. Man kann da wohl Parallelen zu dem im Westen Österreichs sehr verbreiteten „Funkensonntag“ ziehen…

Natürlich ließ ich es mir nicht entgehen, diesen russischen Feiertag zu erleben und mit eigenen Augen zu sehen, wie ein russisches Volksfest so aussieht. Am Sonntag Mittag strömten die St. Petersburger dazu auf die Haseninsel, auf der die Peter-und-Paul-Festung steht. Nachdem wir uns noch mit Emanuelle getroffen hatten, stürzten wir uns in die Jahrmarktatmosphäre. Hier sah man junge Russen, die einen Maibaumähnlichen Stamm erklommen, dort konnte man Tauziehen oder sich an einer „russischen Variante“ einer Kissenschlacht beteiligen. Dazwischen standen Schießbuden, Hüpfburgen und Stände, an denen man Blini, Tee oder Glühwein (was auf russisch Glintwein heißt) kaufen. Leider verpassten wir das verbrennen der Maslenitsa-Puppe, aber wir verbrachten trotzdem einen lustigen Nachmittag. Nach ein paar Stunden machte uns die Kälte aber dann doch zu schaffen und wir traten den Rückzug an. Immerhin war die Newa schon so vereist, dass man nicht einmal mehr die Brücke benutzen musste, sondern einfach über den Fluss marschieren konnte.


Поздравления с Международным женским днем!

März 8, 2008

Der 8. März ist internationaler Frauentag. Bis jetzt habe ich davon nur irgendwie wenig mitbekommen. In Russland hingegen wird der Tag groß gefeiert und ist auch ein offizieller Feiertag. An diesem Tag werden Frauen mit Blumen beschenkt. Dies führt dazu, dass sichdie Straßen von St. Petersburg an diesem Freitag und Samstag in ein Blumenmeer verwandelten. Überall sah man mit Blumen überladene Männer und Frauen, die ihre Sträuße und Rosen stolz durch die Gegend tragen.Obwohl ich eigentlich nicht damit gerechnet hatte, wurde auch ich am Frauentag mit Blumen beschenkt. Mein Mitbewohner Christian überreichte mir am Morgen eine Rose. Ob meine Bemerkungen der letzten Tage, dass ich wohl von niemandem Blumen bekommen würde, etwas damit zu tun haben?

rose.jpg

Am Nachmittag besuchte ich mit Ervina die Eremitage. Das Wort „Museum“ dafür zu verwenden, ist eigentlich untertrieben. Die Eremitage beherbergt 2,8 Millionen Ausstellungsstücke in dutzenden Gebäuden und hunderten Räumen. Die bedeutendsten Kunstwerke sind im Hauptgebäude, dem Winterpalast untergebracht. Allein die Räume darin sind schon beeindruckend: riesige Paläste, goldene Säulen, riesige Luster, Marmortreppen… Auch die Fülle der Kunstwerke ist beeindruckend. Man verliert beinahe die Wertschätzung der Kunst, nachdem man dutzenden Räume voll mit Bildern von Matisse, da Vinci, van Gogh, Rembrandt oder Picasso durchquert hat. Während eines Besuchs kann man nicht einmal einen Bruchteil der Exponate sehen. Deshalb kommen wir immer wieder. Für Studenten ist der Eintritt ja gratis.

eremitage1.jpg

Vor dem Winterpalast drehen immer noch die Eisläufer ihre Runden. Mitten auf dem Schloßplatz, dem Hauptplatz St. Petersburg, um die Alexandersäule herum, wurde diesen Winter eine Eislaufbahn gebaut. Die Stadt erteilte dazu die entsprechende Genehmigung. Anfang Februar jedoch wurde diese Erlaubnis zurückgenommen und die Einstellung des Eislaufbetriebs gefordert. Allerdings muss diese Weisung noch alle bürokratischen Instanzen durchlaufen. Solange dies nicht geschehen ist, dürfen Einheimische und Touristen weiter auf dem Schloßplatz Schlittschuh laufen. Die Mühlen der russischen Bürokratie mahlen langsam.

eislaufen.jpg
Nach dem Besuch der Eremitage fuhren wir mit der U-Bahn aus der Stadt heraus, um gemeinsam mit Aarni einen Markt zu besuchen. Die U-Bahn-Station „Avtovo“, in der wir ausstiegen, zählt zu den schönsten Metrostationen der Stadt: Wände aus weißem Marmor und kunstvoll mit Glas verzierte Säulen.

metropolitain_of_saint_petersburg_station_awtowo.jpg

Als Aarni auftauchte, hatte er tatsächlich auch zwei Rosen in seinen Händen. Ervina und ich freuten uns wahnsinnig über diese Aufmerksamkeit und trugen den Rest des Tages wie echte Russinnen die Blumen stolz zur Schau. Mit dem Bus ging es weiter durch die Vororte der Stadt. Es war sehr spannend, einmal aus der Innenstadt und den bekannten Straßen und Orten wegzukommen. Außerhalb des Zentrums ist von schönen Kirchen und Palästen nichts zu sehen. Hier überwiegen Plattenbauten. Ein Russe, der im Bus unsere Gespräche belauscht hatte, rief uns als er Ausstieg zum Abschied die Worte „Chitler kapudd“ (Hitler kaputt) zu. Diese zwei Wörter sind Überbleibsel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die genaue Herkunft der Worte ist heute unklar, aber es wird spekuliert, dass deutsche Soldaten am Ende des Krieges, als sie von Russen gefangen genommen wurden, diese Worte verwendeten. Mittlerweile sind sie in den russischen Sprachwortschatz übergegangen. Fast jeder Russe kennt sie und wirft sie eben hin und wieder einmal ein, oft auch mit dem Zusatz „Chände choch“, wenn er merkt, dass jemand deutsch spricht. Mit der Bedeutung der Worte hat es aber eigentlich nichts zu tun.

Nach einer halbstündigen Busfahrt kamen wir am Markt an. Leider hatten wir in der Zwischenzeit schon so viel Zeit vertrödelt, dass schon fast alle Stände dabei waren, ihre Waren aufzzuräumen. Also schlenderten wir noch über das Gelände. Auf einem riesigen Platz, zwischen Markthallen und Ständen wird vom Autositz über Schuhe bis zu illegalen DVDs ausnahmslos alles verkauft. Wir beschlossen, auf jeden Fall bald wiederzukommen. Allerdings früher! Mit einer marschrutka (eine Art Sammeltaxi, das auf einer vorgelegten Route fährt), fuhren wir zur Metrostation zurück. Die Fahrt war wie immer recht wild. Nicht selten wurde rasant die Spur gewechselt und hupend einem anderen Fahrer ausgewichen. Verkehrsregeln sind in Russland oft wenig verbreitet. Die einzige Regel: „Survival of the Fittest“.


В бане

Februar 24, 2008

Am Sonntag machten meine Mitbewohnerin Hanna und ich uns auf, um eine weitere russische Tradition kennen zu lernen: die Баня (sprich Banja), ein öffentliches Badehaus. Mit der Metro fuhren wir ein paar Stationen aus der Stadt hinaus, um danach in klirrender Kälte und Schneegestöber das Badehaus zu suchen. Da wir leider keine genaue Wegbeschreibung dabei hatten, dauerte es auch eine enstprechende Zeit und wir waren beide sehr froh, als wir die wohlige Wärme der Баня erreichten.

Eine Баня ist sehr entfernt so etwas ähnliches wie eine kleine Therme, nur ohne Schwimmbecken. Es befindet sich zwar eines im gleichen Haus, aber ist nicht direkt angeschlossen. Der Sinn der Баня ist auch weniger Wellness, sondern mehr Körperhygiene. Früher hatten viele Wohnungen keine eigenen Bäder und so war die Banja der Ort, wo sich viele Russen duschten und wuschen. Auch heute ist das noch teilweise der Fall.

Nachdem man seinen Mantel in der Garderobe abgegeben hat, betritt man -je nach Geschlecht- den jeweiligen Bereich. Männer- und Frauenbereiche sind hier strikt getrennt, und das hat auch gute Gründe. Nachdem man 15 Rubel Eintritt (einen halben Euro) für zwei Stunden Aufenthalt bezahlt hat, bekommt man ein Schließfach zugewiesen (dass sich allerdings nicht versperren läßt). Nachdem man sich dann völlig entkleidet hat, betritt man -ohne Handtuch- die Nassräume und somit eine andere Welt. Auf circa 50 Quadratmetern tummeln sich hier zwei Dutzend Russinnen in allen Altersklassen, Jugendliche genauso wie alte бабушки (sprich: babuschki, russisches Wort für Großmütter, wird aber generell für ältere Menschen gebraucht). Die Russinnen gehen hier intensiv der Körperpflege nach. Hier wird eingeseift was das Zeug hält, unermüdlich werden Bottiche mit Waser gefüllt um sie gleich darauf über sich zu ergießen.

Anfänglich ist der Anblick leicht irritierend: hier eine Frau die sich ungestört rasiert, dort zwei ältere Frauen, die sich gegenseitig nicht gerade sanft mit Peelingschwämmen abrubbeln. In der Ecke widmet sich eine andere Russin gerade der Pediküre, während sich eine junge Frau gerade die Haare wäscht.

Jede Person besetzt hier eine kleine Holzbank. Die Hälfte davon wird mit einer Sitzunterlage ausgekleidet, auf der anderen Hälfte werden der Wasserbottich und allerlei Pflegeutensilien abgestellt. Hanna und ich merkten bald, dass wir für den Besuch der Баня wohl recht karg ausgestattet waren: wir hatten weder spezielle Sitzmatten, noch Peelinghandschuhe oder Luffaschwämme dabei. Deshalb beschlossen wir, uns erst in der Sauna aufzuwärmen. Diese ähnelt auf den ersten Blick auch dem, was ich bisher unter einer Sauna verstanden habe. Nur ist der Raum viel größer und die die Sitzeben ist höher angelegt, man erreicht sie über eine Treppe. Die russischen Saunarituale sind allerdings auch sehr verschieden: die meisten tragen dabei einen speziellen Filzhut, wahrscheinlich um schneller ins Schwitzen zu kommen, vermute ich. Lustigerweise sah ich auch eine Frau, die einen Filzhut vom Oktoberfest in München trug. In der Sauna entspannt man sich hier aber nicht nur gemütlich. Seltsamerweise schlagen sich die Russen hier selbst mit Zweigenbündel. So wird langsam der ganze Körper mit Hieben bearbeitet. Soll wohl die Durchblutung anregen…

Nach dieser weiteren interessanten Erfahrung gaben wir uns dann auch der Körperhygiene hin und wuschen uns, schütteten Bottiche voll Wasser über uns und versuchten dabei, so wenig wie möglich aufzufallen. Nach der ausgiebigen Pflege ruhten wir uns neben den anderen Frauen im Umkleideraum aus. Hier steht auch ein Wasserkocher, der zur freuen Verfügung steht. Wenn man selbst Teebeutel und Tassen mitnimmt, kann man hier auch noch eine Teepause einlegen. Da wir auch darauf nicht vorbereitet waren, genehmigten wir uns den Tee danach im angeschloßenen Kaffee und merkten dort auch, dass wohl im Männerbereich der Баня eine andere Form der Flüßigkeitsaufnahme üblich ist: Bier.


Männertag

Februar 23, 2008

Der 23. Februar ist in Russland ein offizieller Feiertag: Tag der Männer. Eigentlich wurde der Tag ja ins Leben gerufen, um die Dienste der Wehrdienstleistenden zu honorieren (also auch der Frauen im Heer). Im Laufe der Zeit hat sich die Funktion des Feiertages aber geändert.

Eine praktische Einrichtung in Russland: wenn ein Feiertag aufs Wochenende fällt, ist der darauffolgende nächste Arbeitstag automatisch frei.

Wirklich groß wird der Tag aber nicht zelebriert, aber am Abend gab es an der Newa ein Feuerwerk, das ich mir gemeinsam mit meinen Mitbewohnern ansah. Es war ein wenig seltsam, da die Feuerwerkskörper in sehr unregelmäßigen Abständen und mit recht langen Pausen dazwischen abgefeuert wurden und alles insgesamt recht unkoordiniert wirkte. Trotzdem war das Spektakel vor der Skyline der Stadt und den beiden Rostra-Säulen, auf deren Spitze zur Feier des Tages ein Feuer entzündet war, recht schön anzusehen. Da wir alle nach dem langen Aufenthalt in der kalten, windigen Nacht schon ziemlich frierten, wärmten wir uns danach bei einer Tasse Tee in einem nahen Kaffee auf.


Metro und andere Abenteuer

Februar 22, 2008

Das Metronetz in St. Petersburg ist eigentlich gut ausgebaut. Es gibt vier verschiedene Linien, die einen an fast jeden Ort der Stadt bringen. Nur gestaltet es sich anfänglich eher schwierig, herauszufinden wo welche Linie abfährt, in welche Richtung sie fährt und wo man umsteigen muss. Stationen sind oft nicht angeschrieben und der Ansager, der in der U-Bahn die nächste Station angekündigt, redet leider so schnell und unverständlich, dass man zu Beginn dabei gar nichts versteht. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran.

Wer sich also in St. Petersburg von A nach B bewegen will, benutzt meist die U- Bahn. Da sich in der Fünf-Millionen-Einwohnerstadt recht viele Menschen morgens auf den Weg machen, ist die U-Bahn zu dieser Zeit (und auch zu den meisten anderen Zeiten) mit Menschen voll gestopft. Um also morgens zur Universität zu kommen, quetsche ich mich mit hunderten anderen Menschen durch die Drehkreuze, stehe Bauch an Rücken minutenlang auf der Rolltreppe um unten angekommen fast automatisch in einer Menschenmenge bis in die U-Bahn weiter geschoben werde. Von den prachtvollen Stationen sieht man dabei nicht viel. Das Umsteigen geschieht fast automatisch: Die Menschenmasse schiebt einen irgendwie vor sich her. Bei vielen Stationen hier wartet man an einer schwarzen Tür, die wie die eines Liftes aussieht. Irgendwann öffnet sie sich und die Leute strömen in die U-Bahn hinein. Dabei kann es auch ganz schön grob zugehen, wenn von hinten die Leute kräftig nachschieben, um auch noch Platz im Inneren zu finden. Während der Fahrt steht man dann wie in eine Sardinendose gepresst zwischen dutzenden Menschen und muss manchmal froh sein, wenn man Platz hat, um beide Füße auf den Boden stellen zu können. Der Vorteil dabei ist nur, dass man so wenigstens nicht umfallen kann. Der oft wenig angenehme Geruch der um einen herum gequetschten Leute, der einem oft in die Nase steigt, ist allerdings echt gewöhnungsbedürftig.

Schlimmer allerdings als der morgendliche Andrang ist der Ansturm gegen 17.00 Uhr, wenn die meisten Russen sich nach der Arbeit auf den Heimweg machen. Dann bilden sich meist schon vor den Eingängen zur U-Bahn riesige Menschentrauben.

dsc00382.jpg