Der 8. März ist internationaler Frauentag. Bis jetzt habe ich davon nur irgendwie wenig mitbekommen. In Russland hingegen wird der Tag groß gefeiert und ist auch ein offizieller Feiertag. An diesem Tag werden Frauen mit Blumen beschenkt. Dies führt dazu, dass sichdie Straßen von St. Petersburg an diesem Freitag und Samstag in ein Blumenmeer verwandelten. Überall sah man mit Blumen überladene Männer und Frauen, die ihre Sträuße und Rosen stolz durch die Gegend tragen.Obwohl ich eigentlich nicht damit gerechnet hatte, wurde auch ich am Frauentag mit Blumen beschenkt. Mein Mitbewohner Christian überreichte mir am Morgen eine Rose. Ob meine Bemerkungen der letzten Tage, dass ich wohl von niemandem Blumen bekommen würde, etwas damit zu tun haben?

Am Nachmittag besuchte ich mit Ervina die Eremitage. Das Wort „Museum“ dafür zu verwenden, ist eigentlich untertrieben. Die Eremitage beherbergt 2,8 Millionen Ausstellungsstücke in dutzenden Gebäuden und hunderten Räumen. Die bedeutendsten Kunstwerke sind im Hauptgebäude, dem Winterpalast untergebracht. Allein die Räume darin sind schon beeindruckend: riesige Paläste, goldene Säulen, riesige Luster, Marmortreppen… Auch die Fülle der Kunstwerke ist beeindruckend. Man verliert beinahe die Wertschätzung der Kunst, nachdem man dutzenden Räume voll mit Bildern von Matisse, da Vinci, van Gogh, Rembrandt oder Picasso durchquert hat. Während eines Besuchs kann man nicht einmal einen Bruchteil der Exponate sehen. Deshalb kommen wir immer wieder. Für Studenten ist der Eintritt ja gratis.

Vor dem Winterpalast drehen immer noch die Eisläufer ihre Runden. Mitten auf dem Schloßplatz, dem Hauptplatz St. Petersburg, um die Alexandersäule herum, wurde diesen Winter eine Eislaufbahn gebaut. Die Stadt erteilte dazu die entsprechende Genehmigung. Anfang Februar jedoch wurde diese Erlaubnis zurückgenommen und die Einstellung des Eislaufbetriebs gefordert. Allerdings muss diese Weisung noch alle bürokratischen Instanzen durchlaufen. Solange dies nicht geschehen ist, dürfen Einheimische und Touristen weiter auf dem Schloßplatz Schlittschuh laufen. Die Mühlen der russischen Bürokratie mahlen langsam.
Nach dem Besuch der Eremitage fuhren wir mit der U-Bahn aus der Stadt heraus, um gemeinsam mit Aarni einen Markt zu besuchen. Die U-Bahn-Station „Avtovo“, in der wir ausstiegen, zählt zu den schönsten Metrostationen der Stadt: Wände aus weißem Marmor und kunstvoll mit Glas verzierte Säulen.

Als Aarni auftauchte, hatte er tatsächlich auch zwei Rosen in seinen Händen. Ervina und ich freuten uns wahnsinnig über diese Aufmerksamkeit und trugen den Rest des Tages wie echte Russinnen die Blumen stolz zur Schau. Mit dem Bus ging es weiter durch die Vororte der Stadt. Es war sehr spannend, einmal aus der Innenstadt und den bekannten Straßen und Orten wegzukommen. Außerhalb des Zentrums ist von schönen Kirchen und Palästen nichts zu sehen. Hier überwiegen Plattenbauten. Ein Russe, der im Bus unsere Gespräche belauscht hatte, rief uns als er Ausstieg zum Abschied die Worte „Chitler kapudd“ (Hitler kaputt) zu. Diese zwei Wörter sind Überbleibsel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die genaue Herkunft der Worte ist heute unklar, aber es wird spekuliert, dass deutsche Soldaten am Ende des Krieges, als sie von Russen gefangen genommen wurden, diese Worte verwendeten. Mittlerweile sind sie in den russischen Sprachwortschatz übergegangen. Fast jeder Russe kennt sie und wirft sie eben hin und wieder einmal ein, oft auch mit dem Zusatz „Chände choch“, wenn er merkt, dass jemand deutsch spricht. Mit der Bedeutung der Worte hat es aber eigentlich nichts zu tun.
Nach einer halbstündigen Busfahrt kamen wir am Markt an. Leider hatten wir in der Zwischenzeit schon so viel Zeit vertrödelt, dass schon fast alle Stände dabei waren, ihre Waren aufzzuräumen. Also schlenderten wir noch über das Gelände. Auf einem riesigen Platz, zwischen Markthallen und Ständen wird vom Autositz über Schuhe bis zu illegalen DVDs ausnahmslos alles verkauft. Wir beschlossen, auf jeden Fall bald wiederzukommen. Allerdings früher! Mit einer marschrutka (eine Art Sammeltaxi, das auf einer vorgelegten Route fährt), fuhren wir zur Metrostation zurück. Die Fahrt war wie immer recht wild. Nicht selten wurde rasant die Spur gewechselt und hupend einem anderen Fahrer ausgewichen. Verkehrsregeln sind in Russland oft wenig verbreitet. Die einzige Regel: „Survival of the Fittest“.