Lang hatte ich nach einer Parabel gesucht, die meine Zeit hier in St. Petersburg beschreiben könnte. Endlich habe ich sie gefunden. Mein Auslandssemester gleicht einem Fallschirmsprung. Solo. Kein Tandem. Kein erfahrener Fallschirmlehrer, der alles für einen übernimmt und man selbst sich nur noch fallen laßen muss. Wer sich zu einem Auslandssemester entschließt, zumal es in etwas ausgefallenere Destinationen führt, ist auf sich allein gestellt. Wie bei einem Fallschirmsprung.
Maslenitsa – Mасленица!
März 9, 2008In der letzten Woche vor dem Beginn der orthodoxen Fastenzeit wird in Russland Maslenitsa gefeiert. Übersetzt heißt das so viel wie „Butterwoche“. Der Brauch kommt daher, dass gläubige Russen in der ersten Woche vor der Fastenzeit schon auf Fleisch verzichten sollten. Milcherzeugnisse und Eier sind aber noch erlaubt, optimale Zutaten für Blini also! Diese werden währende Maslenitsa auch in rohen Mengen verspeist. Im Laufe der Zeit hat das Fest auch noch eine zusätzliche Bedeutung bekommen: das nahende Ende des Winters wird gefeiert.
Traditionell hat jeder Tag eine andere Bedeutung. So gibt es etwa einen „Tag der Begrüßung“, an dem Kinder eine Puppe aus Stroh basteln, oder einen Tag zum Rodeln und im Schnee toben. Die Bedeutung des Festes ist jedoch am Land größer. In der Stadt wird die genaue Reihenfolge der Tage eher selten eingehalten. Die Woche wird einfach dazu genutzt, mit Freunden und Familie zusammenzukommen und sich die Bäuche mit Blini vollzuschlagen. Natürlich ließ auch ich mir diese Chance nicht entgehen und suchte meine Lieblings-Blinikette „чайная лошка“ fast täglich auf.
Der Höhepunkt der Woche ist der Sonntag. Dann wird gemeinsam auf Volksfesten der letzte Tag vor der Fastenzeit zelebriert und die Maslenitsa-Puppe verbrannt. Man kann da wohl Parallelen zu dem im Westen Österreichs sehr verbreiteten „Funkensonntag“ ziehen…
Natürlich ließ ich es mir nicht entgehen, diesen russischen Feiertag zu erleben und mit eigenen Augen zu sehen, wie ein russisches Volksfest so aussieht. Am Sonntag Mittag strömten die St. Petersburger dazu auf die Haseninsel, auf der die Peter-und-Paul-Festung steht. Nachdem wir uns noch mit Emanuelle getroffen hatten, stürzten wir uns in die Jahrmarktatmosphäre. Hier sah man junge Russen, die einen Maibaumähnlichen Stamm erklommen, dort konnte man Tauziehen oder sich an einer „russischen Variante“ einer Kissenschlacht beteiligen. Dazwischen standen Schießbuden, Hüpfburgen und Stände, an denen man Blini, Tee oder Glühwein (was auf russisch Glintwein heißt) kaufen. Leider verpassten wir das verbrennen der Maslenitsa-Puppe, aber wir verbrachten trotzdem einen lustigen Nachmittag. Nach ein paar Stunden machte uns die Kälte aber dann doch zu schaffen und wir traten den Rückzug an. Immerhin war die Newa schon so vereist, dass man nicht einmal mehr die Brücke benutzen musste, sondern einfach über den Fluss marschieren konnte.
Поздравления с Международным женским днем!
März 8, 2008Der 8. März ist internationaler Frauentag. Bis jetzt habe ich davon nur irgendwie wenig mitbekommen. In Russland hingegen wird der Tag groß gefeiert und ist auch ein offizieller Feiertag. An diesem Tag werden Frauen mit Blumen beschenkt. Dies führt dazu, dass sichdie Straßen von St. Petersburg an diesem Freitag und Samstag in ein Blumenmeer verwandelten. Überall sah man mit Blumen überladene Männer und Frauen, die ihre Sträuße und Rosen stolz durch die Gegend tragen.Obwohl ich eigentlich nicht damit gerechnet hatte, wurde auch ich am Frauentag mit Blumen beschenkt. Mein Mitbewohner Christian überreichte mir am Morgen eine Rose. Ob meine Bemerkungen der letzten Tage, dass ich wohl von niemandem Blumen bekommen würde, etwas damit zu tun haben?
Am Nachmittag besuchte ich mit Ervina die Eremitage. Das Wort „Museum“ dafür zu verwenden, ist eigentlich untertrieben. Die Eremitage beherbergt 2,8 Millionen Ausstellungsstücke in dutzenden Gebäuden und hunderten Räumen. Die bedeutendsten Kunstwerke sind im Hauptgebäude, dem Winterpalast untergebracht. Allein die Räume darin sind schon beeindruckend: riesige Paläste, goldene Säulen, riesige Luster, Marmortreppen… Auch die Fülle der Kunstwerke ist beeindruckend. Man verliert beinahe die Wertschätzung der Kunst, nachdem man dutzenden Räume voll mit Bildern von Matisse, da Vinci, van Gogh, Rembrandt oder Picasso durchquert hat. Während eines Besuchs kann man nicht einmal einen Bruchteil der Exponate sehen. Deshalb kommen wir immer wieder. Für Studenten ist der Eintritt ja gratis.
Vor dem Winterpalast drehen immer noch die Eisläufer ihre Runden. Mitten auf dem Schloßplatz, dem Hauptplatz St. Petersburg, um die Alexandersäule herum, wurde diesen Winter eine Eislaufbahn gebaut. Die Stadt erteilte dazu die entsprechende Genehmigung. Anfang Februar jedoch wurde diese Erlaubnis zurückgenommen und die Einstellung des Eislaufbetriebs gefordert. Allerdings muss diese Weisung noch alle bürokratischen Instanzen durchlaufen. Solange dies nicht geschehen ist, dürfen Einheimische und Touristen weiter auf dem Schloßplatz Schlittschuh laufen. Die Mühlen der russischen Bürokratie mahlen langsam.
Als Aarni auftauchte, hatte er tatsächlich auch zwei Rosen in seinen Händen. Ervina und ich freuten uns wahnsinnig über diese Aufmerksamkeit und trugen den Rest des Tages wie echte Russinnen die Blumen stolz zur Schau. Mit dem Bus ging es weiter durch die Vororte der Stadt. Es war sehr spannend, einmal aus der Innenstadt und den bekannten Straßen und Orten wegzukommen. Außerhalb des Zentrums ist von schönen Kirchen und Palästen nichts zu sehen. Hier überwiegen Plattenbauten. Ein Russe, der im Bus unsere Gespräche belauscht hatte, rief uns als er Ausstieg zum Abschied die Worte „Chitler kapudd“ (Hitler kaputt) zu. Diese zwei Wörter sind Überbleibsel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die genaue Herkunft der Worte ist heute unklar, aber es wird spekuliert, dass deutsche Soldaten am Ende des Krieges, als sie von Russen gefangen genommen wurden, diese Worte verwendeten. Mittlerweile sind sie in den russischen Sprachwortschatz übergegangen. Fast jeder Russe kennt sie und wirft sie eben hin und wieder einmal ein, oft auch mit dem Zusatz „Chände choch“, wenn er merkt, dass jemand deutsch spricht. Mit der Bedeutung der Worte hat es aber eigentlich nichts zu tun.
Nach einer halbstündigen Busfahrt kamen wir am Markt an. Leider hatten wir in der Zwischenzeit schon so viel Zeit vertrödelt, dass schon fast alle Stände dabei waren, ihre Waren aufzzuräumen. Also schlenderten wir noch über das Gelände. Auf einem riesigen Platz, zwischen Markthallen und Ständen wird vom Autositz über Schuhe bis zu illegalen DVDs ausnahmslos alles verkauft. Wir beschlossen, auf jeden Fall bald wiederzukommen. Allerdings früher! Mit einer marschrutka (eine Art Sammeltaxi, das auf einer vorgelegten Route fährt), fuhren wir zur Metrostation zurück. Die Fahrt war wie immer recht wild. Nicht selten wurde rasant die Spur gewechselt und hupend einem anderen Fahrer ausgewichen. Verkehrsregeln sind in Russland oft wenig verbreitet. Die einzige Regel: „Survival of the Fittest“.
Party im Bunker
März 3, 2008Heute abend hatte sich eine lustige, internationale Truppe zusammengefunden. Mit den anderen Auslandssemestrigen aus der Uni, meinen Mitbewohnern Hanna und Christian und seinen Arbeitskollegen waren wir insgesamt etwa ein Dutzend Leute und insgesamt sieben Nationen: Russland, Finnland, Deutschland, Frankreich, Österreich, England und Bosnien. Da in dem Club, den wir ansteuerten, zuerst noch ein Konzert stattfand und der Eintritt die horrende Summe von 2000 Rubeln gekostet hätte (60 Euro), zogen wir es dann doch lieber vor, in einer Kneipe vorher ein (oder zwei) Bier zu trinken. Es gab auch eine russische Live-Band, die spanische Songs genau unter den Flatscreens spielte, auf denen ein Fußballspiel übertragen wurde. Man konnte deshalb nicht so recht feststellen, welche der Zuschauer an der Band und welche am Fußball interessiert waren. Vielleicht nutzten manche auch die Chance, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen…

Nach Mitternacht quetschten wir uns in zwei Taxis. Da die Gruppe schon leicht dezimiert war, klappte das auch ganz gut. Eine praktische Eigenheit des öffentlichen Verkehrssystems: jedes Auto, das auf der Straße fährt, ist ein prinzipielles Taxi. Jeder kann, wenn er gerade Lust und Zeit hat, Taxifahrer spielen. Wenn man sich an die Straße stellt und den Daumen hinausstreckt dauert es nie länger als eine Minute, bis ein Fahrer anhält. Das Ritual: man öffnet die Beifahrertür, sagt dem Fahrer wohin man gerne fahren würde, dieser veranschlagt den Preis, der meist heruntergehandelt werden kann. Ist man sich über den Fahrpreis einigt, steigen alle ein. Lässt der Fahrer nicht mit sich verhandeln, schlägt man die Autotür einfach wieder zu und wartet auf das nächste Taxi. Eine Fahrt innerhalb der Stadt kostet üblicherweise zwischen fünf bis sieben Euro.
Ein paar Minuten später kamen wir also an unserem Fahrziel an, dem Club „Грибоедов” („Griboyedov“). Die Disko befindet sich in einem ehemaligen Luftschutzbunker. Nachdem wir den Eintritt bezahlt hatten (nunmehr „nur“ noch 11 Euro, was aber verglichen mit anderen Eintritten recht teuer ist), schritten wir die Stufen in den Bunker hinunter. Der Club erstreckt sich über mehrere verschiedene Räume, durch verwinkelte Gänge und an dicken Metalltüren vorbei gelangt man von einem Raum in den nächsten. Im Größten legte ein DJ auf, in einem anderen Bereich befand sich die Bar, immer wieder standen gemütliche Sofas in den Nischen. Also tanzten wir stundenlang, tranken dazwischen den einen oder anderen Wodka.

Zu später Stunde hatte sich die Gruppe schlußendlich auf vier Leute dezimiert. Und als wir den Club verließen stellten wir fest, dass die erste U-Bahn in wenigen Minuten fahren würde. Also warteten wir mit ein paar Dutzend anderen Nachtschwärmern vor den verschlossenen Türen der Metro, bis ein Mitarbeiter die Schlößer und Metallgitter entfernte und wir in die U-Bahn strömen konnten.
Russendisko
Februar 25, 2008Um den Geburtstag einer Arbeitskollegin Christians zu feiern, gingen wir am Abend in die russische Disko „Achtung Baby“. Nein, der Name ist nicht übersetzt, er wurde wohl vom gleichnamigen U2-Album übernommen.
Die hohen Räume des Clubs errinnern ein wenig an eine Kirche. Die Bars, die Bühne und die Tischfußballtische lassen den Eindruck aber schnell vergessen. Gemeinsam stießen wir auf den Geburtstag von Ira an. Eigentlich zum zweiten Mal: da der russische Kalender 13 Tage hinter dem gregorianischen Kalender ist, kann man so zwei Mal Geburtstag feiern. Nach ein paar Partien am Tischfußballtisch, bei denen ich meist haushoch gewann, wurde noch bis in die frühen Morgenstunden getanzt. Während anfänglich noch schwarz-weiße Stummfilme im Hintergrund an die Wand projeziiert wurden, wurden es allmählich Erotikstummfilme und schlußendlich waschechte Pornos – Stummfilm und in schwarzweiß! Es war ein klein wenig irritierend, dazu das Tanzbein zu schwingen. Aber auch die Russen versicherten mir, dass dies nicht typisch russisch sei.
Russische Kultur, Sightseeing und mehr
Februar 9, 2008Meine erste Woche in Russland verbrachte ich meist damit, mir die Stadt anzusehen. Da der Beginn der Vorlesungen um eine Woche verschoben wurde, hatte ich auch genügend Zeit dafür. Das Stadtzentrum ist wirklich wunderschön. An jeder Ecke entdeckt man einen anderen Palast oder eine andere Kirche. Hier der Winterpalast, da die Erlöserkirche mit ihren bunten Zwiebeltürmen, dort die Isaakskathedrale mit ihren schon von weitem sichtbaren goldenen Kuppeln. Nur das schlechte Wetter trübt die Freude ein wenig. Dabei ist es nicht einmal sehr kalt. Aber der ständige Nieselregen, der manchmal in matschigen Schnee umschlägt, ist auf Dauer ein wenig unangenehm.
Nebenher versuche ich, meine Russischkenntnisse zu verbessern. Manche Glücksmomente (alleine Piroggen bestellen können) wechseln sich mit Situationen absoluter Hilflosigkeit ab (in der russischen Fastfood-Kette „чайная лошка“ – was soviel heißt wie Teelöffel – nicht einmal Blinis bestellen zu können).
Am Wochenende ging ich mit meinen Mitbewohnern in eine russische Bar und lernte eigenständig Getränke zu bestellen.
Nachdem mir Ruslan aufgetragen hatte, am Montag wieder in die Fakultät zu kommen, machte ich mich an diesem Vormittag auf und spazierte von der Wohnung aus durch die Stadt, sah mir ein Stadtviertel an, in dem ich noch nicht war, und erreichte nach gut eineinhalb Stunden die Straße, in der die Fakultät ist. Nur wenige Meter, bevor ich mein Ziel erreichte, klingelte mein Handy und Ruslan meint, dass ich doch erst mittwochs kommen sollte. Zwei Tage später stand ich also abermals in seinem Büro, bekam einen weiteren, erneut geänderten Stundenplan vorgesetzt und lernte bald darauf die beiden anderen Auslandsstudenten, Aarni aus Deutschland und Emanuele aus Frankreich, kennen. Der zweite Anlauf, Fotos für den Studentenausweis zu machen, scheiterte erneut. Aber wir sollten am Tag darauf wiederkommen. Dann sollte der fehlende Fotohintergrund geliefert worden sein.
Verfasst von irisburtscher 

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