Nachdem sich der Petersburger Fußballclub Zenit gestern die UEFA-Cup-Throphäe unter den Nagel gerissen hat, herrscht in der Stadt Ausnahmezustand. Zeitungsberichten zufolge hatten sich nachts sogar spontan 2000 Menschen auf dem Schloßplatz zusammengefunden. Die ganze Nacht wurde gefeiert, in der U-Bahn wurden „Zenit Champion“-Sprechchöre angestimmt und die vorbeiziehenden Schulkinder sangen morgens die Clubhymne. Am heutigen Tag sah man die Kombination der Clubfarben hellblau-dunkelblau-weiß überall: Fahnen an den Autos, Fanschals, und und und. Sogar vor unserer Fakultät wehte eine Zenit-Fahne im Wind. Den Rest des Beitrags lesen »
Besuch
März 19, 2008Am Freitag hatte ich endlich die Chance, all meine wunderbaren und manchmal auch etwas wunderlichen Erlebnisse, die ich in diesem Land mache, mit Freunden zu teilen. Daniela, Birgit und Petra kamen mich besuchen.
Am Flughafen angelangt hatten sich die Rollen nun verkehrt. Vor ein paar Wochen war ich noch diejenige, die voller Neugierde in diesem seltsamen runden Raum stand und auf die Einreise wartete, während ich von dutzenden Leuten, die sich aus dem ersten Stock übers Geländer beugten, begafft wurde. Jetzt war ich eine der Beobachter, die auf die wartende Menge unter mir hinunterschauen konnte. Und dazu hatte ich wirklich Zeit. Meine drei Freundinnen, die sich mittlerweile mit einer Russin angefreundet hatten, warteten geschlagene eineinhalbstunden in der Schlange vor der Passkontrolle. Meine Ermutigungen, doch ein wenig „aktiver“ anzustehen, blieben unbeachtet. Doch schlußendlich konnte ich doch alle drei umarmen und in Empfang nehmen.
Mit dem teils verrückten öffentlichen Verkehrssystem ging es dann in meine Wohnung. Wenn ich gewusst hätte, dass manch ein Koffer 19,9 Kilo wiegen würde, hätte ich vielleicht im vorhinein ein Taxi organisiert. Die drei Mädels ließen anfänglich wirklich nichts unfotografiert (außer der Metro, in der Fotografierverbot herrscht). Es war wirklich interessant zu sehen, welche Dinge sie noch erstaunten, während es für mich schon Alltag bedeutete. Dabei war ich vor wenigen Wochen mit der gleichen Fassungslosigkeit und Faszination vor denselben Dingen gestanden.
In den folgenden Tagen versuchte ich, ihnen einen ausgewogenen Mix aus Kultur, Kulinarik, Shopping und Nachtleben zu bieten. Ob das gelungen ist, müssen die Damen selbst entscheiden… (vielleicht per Kommentar?
). Wir schlenderten durchs Stadtzentrum, spielten Kapitän auf dem alten Kriegsschiff Aurora und fühlten uns im Bernsteinzimmer im Katharinenschloss wie Prinzessinnen. Wir wurden auf einer Marschrutka-Fahrt ordentlich durchgeschüttelt und bangten während einer Taxifahrt um unser Leben. Mit Piroggen und Blini schlugen wir uns die Bäuche voll, testeten den einen oder anderen Wodka und erlebten, dass eine Russendisko in Russland mit der in Österreich nicht wirklich viele Ähnlichkeiten aufweist. Wir bestaunten Föten in Formalin, gingen auf einem zugefrorenen See spazieren und bauten bei Minusgraden kleine Schneemänner am Sandstrand im Sonnenschein.
Ich glaube, nicht nur ich bin jetzt davon überzeugt: Diese Stadt ist einfach einmalig. Danke Mädels, dass ihr da wart. Die Zeit war echt ein Traum!
Frühling!?
März 11, 2008Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben. Doch nach wochenlangem Frieren, nach einem Monat voll Schnee und Eis, nach ständig vereisten Gehsteigen und vermatschten Straßen ist endlich ein Ende in Sicht. Die ersten Anzeichen des Frühlings sind auch hier im hohen Norden spürbar. Das Thermometer zeigte heute nicht nur Plusgrade an, sondern kletterte sogar auf zehn Grad! Es ist herrlich, sich nicht mehr komplett vermummen zu müßen, um auf die Straße gehen zu können. Ich genieße es, die Stadt nun im Sonnenschein und auf trockenen Wegen zu erkunden. Man weiß ja nie, wie lange das Wetter so bleibt.
Mein „Glückstag“
Februar 19, 2008Der Tag fing eigentlich ganz viel versprechend an: die Sonne lachte vom Himmel und durchflutete mein Zimmer mit Licht. Da meine Vorlesung erst um zwei beginnen sollte, hatte ich genügend Zeit lang zu frühstücken. Am Vormittag wollte ich die Einladungsformulare von Birgit, Petra und Daniela in die dafür zuständige Agentur bringen. Davor ging ich noch kurz zur Bank um Geld abzuheben (die Einladungen kosten ja pro Stück an die 25 Euro). Ich ging zum gleichen Bankomaten wie üblich, schob meine Bankomatkarte hinein, tippte meinen Code ein, wählte einen Geldbetrag, nahm die Scheine entgegen und … wartete. Doch vergeblich, der Geldautomat verschluckte meine Karte und wollte sie auch nicht wieder hergeben. Als ich mich dann an den Schalter wenden wollte, riet mir eine Russin davon ab und meinte ich solle doch das Notfalltelefon an der Wand benutzen. Ich nahm den Hörer ab und sogleich hörte ich eine Stimme „ … if your card was captured, press 3 …“ Man würde meinen, dass wenn das Tonband auf Englisch ist, die Person am anderen Ende der Leitung, zu der man verbunden wird, auch der englischen Sprache mächtig ist. Fehlanzeige. Mit meinen paar Brocken russisch versuchte ich also mein Problem zu erklären und wurde schlussendlich mit einer englischsprachigen Mitarbeiterin verbunden, die mir riet, ich solle mich doch an den Schalter wenden.
Also schilderte ich der Angestellten dann mit Händen und Füßen, halb Russisch halb Englisch mein Problem. Sie meinte, dass der Geldautomat erst wieder morgen geleert werden würde und sie ein Fax von meiner Bank bräuchte mit deren Erlaubnis, mir die Karte morgen auszuhändigen zu dürfen. Meine Bank war so freundlich, so ein Fax zu schicken, obwohl sie wohl zum ersten Mal mit so einem Problem konfrontiert wurden. Ob ich meine Bankomatkarte jemals wieder sehen werde, wird sich wohl morgen zeigen…
Als ich dann nachmittags auf der Fakultät ankam, um meine erste Lehrveranstaltung zu besuchen, erfuhr ich dort, dass diese abgesagt wurde. Wenigstens konnte ich jetzt die Zeit nutzen, um noch ein paar Sonnenstrahlen zu tanken und einen ausgedehnten Spaziergang über die Haseninsel, an der Peter-und-Paul-Festung vorbei bis in die Wohnung zu machen. Bei strahlend blauem Himmel sieht es echt schön aus, wenn die Eisschollen die Newa hinunterziehen und man dort, wo im Sommer ein Sandstrand ist, jetzt durch den Schnee laufen kann.
Meine Pechsträhne war da aber leider noch lange nicht vorbei: am Abend schaffte ich es dann auch noch, mit einer einzigen Betätigung des Lichtschalters ein gesamtes Fotoprojekt eines Freundes meines Mitbewohners zu zerstören, der gerade in unserem Badezimmer seine Filme entwickelte. Der Film, den ich zerstört hatte, beinhaltete sämtliche Studioaufnahmen für ein Studiumsprojekt. Jeder Student darf nur ein Mal pro Monat ins Studio… Eigentlich war es ja nicht wirklich meine Schuld, da mir mein Mitbewohner kein Sterbenswort von der Fotosession gesagt hatte, aber irgendwie war das dann doch der krönende Abschluss dieses „Glückstags“.
Endlich Sonne!
Februar 14, 2008Nachdem wir nun endlich nach dem dritten Versuch tatsächlich unsere Fotos machen lassen konnten, spazierte ich mittags von der Wassilewski-Insel, auf der die journalistische Fakultät liegt, an der Newa entlang in Richtung Stadtzentrum. Zum allerersten Mal riss die graue Wolkendecke an mehreren Stellen auf. Nach und nach kam immer mehr blauer Himmel zum Vorschein und endlich lachte auch die Sonne hervor. Obwohl diese Stadt auch unter einer grauen Wolkendecke sehr schön ist: bei blauem Himmel und Sonnenschein ist es einfach wundervoll.
Das Wetter passte auch wunderbar zum Valentinstag. Wer denkt, dass die Russen ein unromantisches Volk sind, der irrt gewaltig: an jeder zweiten Ecke konnte man Herzen und Stofftiere kaufen, und es gab nicht wenige, die das auch taten. Russische Männer sind auch meist Kavaliere, tragen ihren Freundinnen die Handtaschen und schenken ständig Blumen. Deshalb findet man hier auch in wirklich jeder Straße einen Blumenladen. Ich habe heute auch in den „St. Petersburg Times“, die zwei Mal pro Woche auf Englisch erscheint, gelesen, dass einer neuen Studie zufolge 54% aller Russen gerade verliebt sind.
Am späten Nachmittag hatte ich meine erste Russischstunde. Zwei Mal die Woche kommt jetzt Sascha in meine Wohnung und bring mir russische Grammatik bei. Die Russin ist sehr nett und geduldig und ich merke, dass man in diesen Einzelstunden wahnsinnig viel lernt. Der Preis dafür ist Gott sei Dank für unsere Verhältnisse recht moderat.
Den Abend verbrachte ich dann mit Hanna und deren Arbeitskollegin Amelia bei einer „Sushi-Party“ in unserer Wohnung. Obwohl wir alle drei zum ersten Mal Sushi rollten, war das Ergebnis gar nicht so schlecht.
Die Ankunft
Februar 6, 2008Kurz nachdem der Pilot den Landeanflug auf St. Petersburg ankündigte, tauchten wir in eine graue Wolkendecke ein. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich die Sonne für einige Zeit nicht mehr sehen würde.
Erst wenige Sekunden vor der Landung löste sich der graue Schleier ein wenig auf und ich konnte einen Blick auf den Flughafen erhaschen. Dann landete die AirBerlin-Maschine auf der verschneiten Landebahn. Ein Flughafenbus brachte die Passagiere zur Ankunftshalle: ein runder Raum, in dem man auf die Passkontrolle warten musste. Darüber befand sich eine Galerie, von der aus die oben Wartenden auf uns herabgaffen konnten.
Zu meinem Unglück war kurz vor uns eine Maschine aus Kasachstan gelandet, und die Passagiere hatten wohl einige Probleme mit der Gültigkeit ihrer Visen, was die Schlange vor der Passkontrolle nur sehr langsam kleiner werden ließ. Immerhin, nach knapp einer Stunde war ich an der Reihe. Nachdem mein Pass kritisch beäugt wurde, wurde mir die Einreise in die Russische Föderation gewährt.
Ruslan, der Koordinator der Abteilung für Internationales an meiner zukünftigen Universität in St. Petersburg, wartete schon und brachte mich in meine Wohnung. Während der circa einstündigen Autofahrt konnte ich schon einige Eindrücke der Stadt sammeln. Ich staunte über die Architektur, die immer wieder auftauchenden Überbleibsel aus vergangenen Zeiten und bemühte mich, wenigstens ein paar kyrillische Reklametafeln oder Geschäftsnamen zu entziffern.
In der Wohnung angekommen erwartete uns schon Hanna aus London, meine zukünftige Mitbewohnerin für die kommenden Wochen. Unsere Wohnung liegt recht zentral und in der Nähe einer U-Bahn-Station im vierten Stock eines Wohnhauses. Da kein Lift vorhanden ist, war ich sehr froh darüber, dass Ruslan meinen 23 Kilogramm schweren Koffer die Stiegen heraufschleppte. Mich an den Zustand der Wohnung zu gewöhnen, braucht wohl etwas Zeit, denn sie ist schon etwas heruntergekommen. Für russische Standards ist sie jedoch recht passabel, Ruslan schwärmte jedenfalls noch einige Tage über den tollen Zustand.
Fast alle Räume sind mit seltsam gemusterten Tapeten ausgekleidet, manche davon lösen sich allerdings schon von den Wänden. Die Küche ist von einem einzigen, undurchdringbaren Fettfilm überzogen und die Fenster sind alles andere als dicht. Dafür ist unser Bad neu renoviert. Eben was Russen unter Renovierung verstehen. Alles ist neu verfliest, wir haben eine Whirlpool-Badewanne und die gesamte Decke ist mit Spiegeln überzogen. Das WC befindet sich in einer Nische des Raumes, die seltsamerweise nicht mit neuen Fliesen bedacht wurde. Hier sind die Wände tapeziert, allerdings wollen die Tapeten nicht so recht an den Wänden haften.
Mein Zimmer befindet sich am Ende eines dunklen Ganges, vorbei an den Zimmern meiner beiden Mitbewohner. Mit etwa 30 Quadratmetern kann ich jetzt einen kleinen Ballsaal mein Eigen nennen. In der Mitte des Raumes schwebt ein antiker Kronleuchter, der dem Zimmer ein eigenes Flair verleiht. Zwar war der Raum noch mit zahlreichen Kisten der Vormieter vollgestellt, allerdings ließen sich diese in dem gigantischen Bücherregal gut unterbringen.
Am späten Nachmittag zeigte mir Hanna die Gegend um unsere Wohnung: die Metrostation, die nächste Bank und ihr Lieblingssupermarkt. Im Umkreis von zwei Gehminuten finden sich ein halbes Dutzend Supermärkte, die alle 24 Stunden am Tag geöffnet sind. Im Supermarkt hier findet man fast alles, was man auch bei uns bekommt. Nur eben nicht immer in der gewohnten Vielfalt und Qualität. Die Preise sind etwa gleich wie bei uns. Allerdings bereitet mir das Umrechnen und das Entziffern von russischen Wörtern noch größere Probleme. Hanna half mir glücklicherweise dabei.
Nachdem später mein zweiter Mitbewohner, Christian aus Deutschland, von der Arbeit heimkam, verbrachten wir den Abend zu dritt in einer Kneipe in der Nähe der Wohnung. Fast alle Cafés, Bars oder Kneipen sind hier irgendwie speziell eingerichtet. So wurden die Tische hier durch kunstvoll verschweißte Rohre getrennt. In unseren Tisch war ein Kanaldeckel eingelassen und an einem kleinen Tisch befand sich eine täuschend echt anmutende Puppe eines am Tisch eingeschlafenen Russen.
Nach einem Tag voller toller, aber auch anstrengender neuer Erfahrungen und Eindrücke fiel ich todmüde ins Bett.
Verfasst von irisburtscher
Verfasst von irisburtscher
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