Novgorod

Da sich meine Zeit hier in Russland leider viel zu schnell dem Ende zuneigt, mache ich nun die Dinge, die ich schon seit meiner Ankunft vorgehabt, aber immer auf später verschoben habe. Nachdem ich am Montag endlich im Russischen Museum war, verbrachte ich die letzten beiden Tage mit Ervina in Veliki Novgorod.

Da ich vor ein paar Tagen in der Gratistageszeitung „Metro“ einen Bericht über die rasend schnell vergriffenen Zugtickets in den Süden gelesen hatte, wollten wir auf Nummer sicher gehen, und unser Ticket wenigstens am Vortag kaufen. Novgorod liegt zwar nicht wirklich im Süden, aber sicher ist sicher. Am Informationsschalter des Zugticketbüros im Zentrum erkundigten wir uns vorsichtshalber, an welcher Kassa wir die Tickets für den gewünschten Zug kaufen könnten. Nachdem die Dame im Computersystem die entsprechende Verbindung nachgeschlagen hatte, antwortete sie uns, dass wir jeden beliebigen Schalter wählen könnten, stellten wir uns an der Nummer 13 an. Schlange stehen ist beim Fahrkartenkauf quasi obligatorisch. Vor uns in der Schlange zankte sich eine ältere Frau mit zwei Mädchen darum, wer zuerst da gewesen war. Nach etwa 20 Minuten stand die Bedienstete am Schalter auf und verließ ihre Kabine. Dem Schild entnahmen wir, dass jetzt Zeit für ihre Kaffeepause war. Wenigstens dauerte die Pause nur eine Viertelstunde. Wäre sie zur Mittagspause verschwunden, hätten wir uns wohl eine neue Schlange suchen müssen. Nachdem wir endlich an der Reihe waren, wurde uns mitgeteilt, dass hier keine Karten für unsere Verbindung erhältlich waren. Wir müssten direkt zum Moskauer Bahnhof gehen.

Dort angekommen erkundigten wir uns am Informationsschalter, wo wir die Tickets kaufen könnten. Wir wurden in eine andere Halle verwiesen. Während ich schon einmal Schlange stand, fragte Ervina – vorsichtshalber – bei der dortigen Information nach, ob wir uns nun an der richtigen Adresse befanden. Falsch. Unsere Karten wären am Schalter für Elektritschkas erhältlich. Als wir den richtigen Schalter gefunden hatten wurde uns gesagt, dass wir die Tickets nur am Tag der Fahrt kaufen könnten.

Am nächsten Morgen konnten wir erfolgreich unsere Tickets kaufen und traten unsere Fahrt in einer Elektritschka an. Elektritschkas sind russische Vorortzüge, die gegenüber den normalen Züge wesentliche Unterschiede besitzen: In den Zügen ist es eiskalt, die Sitze sind unbequem und der Zug bleibt etwa alle fünf Minuten stehen. Während der Fahrt hatten wir also genügend Zeit, die Gegend außerhalb der Großstadt zu betrachten. Vor dem Fenster zogen russische Dörfer und unzählige Haltestellen, die manchmal nicht einmal aus einem Bahnsteig bestanden, vorbei. In unserem Großraumabteil waren wir schon fast eine Attraktion. Es kommt wohl nicht zu oft vor, dass sich Nicht-Russen in eine Elektritschka verirren. Die meisten Touristen besuchen Novgorod in einem Tagesausflug mit einer Reisegruppe und kommen in einem bequemen Touristenbus an. Nachdem wir dreieinhalb Stunden lang frierend auf orangen Plastikbänken die Minuten gezählt hatten, kamen wir endlich in Novgorod an.

Die Stadt gefiel uns trotz dem anhaltenden Regen. Wir besichtigten den ältesten Kreml Russlands und wunderschöne Kirchen. Die Anzahl der Kirchen in dieser Stadt ist einfach unglaublich. Hinter jeder Ecke entdeckt man ein weiteres Kloster. Am zweiten Tag lachte die Sonne vom Himmel und so fuhren wir mit dem Bus zu einem Freilichtmuseum außerhalb der Stadt. Hier waren dutzende Häuser aus den vergangenen Jahrhunderten nachgebaut und man bekam so eine eindrückliche Vorstellung, wie das Leben damals aussah. Die Innenräume waren liebevoll mit vielen Originalstücken ausgestattet. Ich war erstaunt über die vielen Haushaltsgegenstände, die damals schon vorhanden waren. Die Bauernstuben waren zudem alle sehr gemütlich eingerichtet, allein der niedrige Abstand der Hochbetten zur Decke war ein wenig ungewöhnlich. Die Menschen hatten damals gerade ein paar handbreit Platz, gerade genug, um ins Bett zu kriechen. Aufrecht im Bett zu sitzen war aber unmöglich.

Die zwei Tage in Novgorod waren nicht nur wegen den kulturellen Highlights interessant. Da ich während meiner Zeit in Russland fast nur in Petersburg unterwegs war, war ich froh, nun auch ein wenig das Leben fernab der Großstadt erleben zu können. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind in Russland erschreckend groß. Obwohl auch hier in Novgorod ein wahnsinniger Bauboom zu spüren ist, sind große Teile der Stadt dringend renovierungsbedürftig. Die meisten Straßen sind mit Schlaglöchern übersät und während der Fahrt mit dem Stadtbus verbrachte man eigentlich mehr Zeit in der Luft, als auf den Sitzen, weil man bei jedem Schlagloch in die Höhe geworfen wurde. Außerhalb der Großstadt breitet sich aber auch eine eigentümliche Ruhe aus. Alles geht ein wenig langsamer vor sich und das ewige Gerenne in Petersburg ist hier nicht vorhanden. Es scheint, als hätte jemand das Band auf „slow motion“ eingestellt.

Nach zwei Tagen in Novgorod fuhren wir am späten Nachmittag nach St. Petersburg zurück. Auf die Elektritschka-Fahrt verzichteten wir diesmal, wir nahmen den Bus.

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